FÜR BAUHERREN
05. Mai 2023
Autor: Lukas Mettler

DIE BAUBRANCHE UND IHRE HERAUSFORDERUNGEN IM ÜBERBLICK

„Stillstand, Stornierungen, Schockstarre“ – die Schlagzeilen der Medien übertrumpfen sich und die Baubranche ruft nach staatlicher Förderung. Während einem der einfache Bürger, der nicht mehr in der Lage ist, sich den lang ersehnten Wunsch vom Eigenheim zu erfüllen, eher leidtun kann, fragen wir uns vor allem, ist der Anstieg der Zinsen nicht nur die Spitze des Eisbergs? Selbstverständlich soll der Einfluss der Zinsentwicklung nicht kleingeredet werden, aber als neutrale Beobachter hoffen wir vor allem, dass die aktuelle Situation, ein Katalysator für die Weiterentwicklung der gesamten Branche ist.

Im heutigen Artikel wollen wir besonders für Menschen, die sich nicht in der Branche verwurzelt sind, einen Überblick über die wichtigsten Akteure geben und exemplarisch über Herausforderungen und (hoffentlich bald) anstehende Veränderungen berichten. Selbstverständlich ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Angenehmer Nebeneffekt des Ganzen: mit Podcast und Blog haben wir erst einen Bruchteil dieser Themen abgedeckt. Es gibt also noch genug Futter für neue Folgen, Artikel und spannende Gäste.

Wie so oft im alltäglichen Sprachgebrauch ist die Frage, wer oder was überhaupt gemeint ist, wenn man von „der Baubranche“ spricht. Während die enge Betrachtung sich rein auf das „Baugewerbe“ und damit auf die ausführenden Bau- und Ausbauunternehmungen beschränken würde, wird das der Vielfalt und den zahlreichen Verflechtungen nicht wirklich gerecht. Wir betrachten daher auch die vor- und nachgelagerten Akteure, die sich im Bereich des Bauwesens bewegen. Eine gute Grundlage findet sich beim Institut der Deutschen Wirtschaft Consult GmbH.

Zu den Tätigkeiten des Baugewerbes, die auch als Orientierung für den weiteren Artikel dienen, gehören:

    • die Planung und Genehmigung,
    • die Finanzierung,
    • das Bauen,
    • das Unterhalten und die Instandhaltung.
Quelle: Eigene Darstellung nach IW Consult GmbH

Planung und Genehmigung

Im Bereich der Planung und Genehmigung sind insbesondere Architekten und andere Bauplaner wie beispielsweise Statiker gefragt. Des Weiteren sind auch Rechtsberater, Notare und die staatlichen Genehmigungsinstanzen im Rahmen von Planungsprozessen involviert. Ohne vorherige Planung und die anschließende Genehmigung findet kein Bau statt. Dieser Prozess und speziell die Genehmigung dauert je nach Projekt oft länger als die eigentliche Bauausführung.

Nachhaltiges Bauen im Sinne von ökonomisch, ökologisch und sozial verträglich ist das große Thema. Architekten und Planer müssen mit den neuesten grünen Technologien und Materialien vertraut sein und innovative Lösungen für energieeffiziente Gebäude und städtische Umgebungen, zum Beispiel nach dem Schwammstadt-Prinzip, entwickeln. Auch die Regulierungsbehörden müssen mit den richtigen Rahmenbedingungen Anreize für sozialen Wohnungsbau setzen und Bürokratie für schnelleren Baufortschritt abgebaut werden. Die Nutzung von digitalen Technologien wird sich im Planungs- und Architekturbereich ebenfalls weiterentwickeln. Es geht darum, die Planung und Visualisierung von Gebäuden zu verbessern und effizienter zu gestalten. Ein Beispiel hierzu hatten wir mit BauCaD bereits im zu Gast (Artikel am Ende der Seite). An dieser Stelle sei die Arbeit mit digitalen Zwillingen im Rahmen von Building Information Modelling genannt.

Digitale Planung am Beispiel von der BauCaD Punktwolke - Quelle: BauCaD

Finanzierung

Bereits früh im Prozess und stark mit der Planungsphase verknüpft, ist der Bereich Finanzierung. Sowohl im privaten als auch im gewerblichen Bereich werden Bautätigkeiten selten aus dem laufenden Budget bezahlt, sondern über mehrere Jahre finanziert. Aus diesem Bedarf heraus hat sich ein spezialisierter Baufinanzierungssektor innerhalb der Bankenlandschaft herausgebildet, der bei den meisten Geschäftsbanken zum Kerngeschäft zählt.

Dynamik kommt hier insbesondere durch digitale Plattformen wie beispielsweise Europace, die den Kreditvergleich ins 21. Jahrhundert bringen, auf. Ganz klar hat Digitalisierung auch im Bereich der Baufinanzierung bereits Einzug gehalten. Die Verwendung von digitalen Prozessen und Plattformen für die Beantragung und Bearbeitung von Darlehen wird die Baufinanzierung schneller und effizienter machen. Zudem wird die Verwendung von künstlicher Intelligenz und Datenanalyse zur Risikobewertung von Kreditanträgen nach und nach zum neuen Standard werden. Der wichtigste Faktor für die kurzfristige Marktentwicklung des Baufinanzierungsgeschäfts ist die Zinsentwicklung. Während der Bedarf an Wohnraum ungebrochen hoch bleiben wird, stellt sich immer mehr die Frage der Finanzierbarkeit. Fallende Immobilienpreise in der Fläche sind aktuell noch nicht in Sicht und treten wahrscheinlich erst durch demografische Effekte oder eine überraschende Bau-Offensive ein.

Bauen

Die eigentliche Umsetzung eines Bauprojekts erfolgt durch Bau- und Ausbauunternehmen, welche als „das Baugewerbe“ zusammengefasst werden. Im Baugewerbe sind rund 2,5 Millionen Menschen deutschlandweit tätig bei einem jährlichen Bauvolumen von über deutlich über 400 Milliarden Euro. Rund zwei Drittel der Umsätze werden dabei in kleinen Betrieben mit bis zu 19 Beschäftigten erwirtschaftet. Die Umsätze verteilen sich Stand 2021 zu 38 % auf den Wohnungsbau, 35 % Wirtschaftsbau (gewerbliche und industrieller Bauten) und 27 % auf den öffentlichen Bau. (Quelle: BMWK)  

Quelle: Hauptverband der deutschen Bauindustrie e.V.

Fehlender Nachwuchs und Fachkräftemangel sind seit Jahren die zentrale Herausforderung in Bau und Handwerk. Ohne eine Stärkung der Ausbildung und der Förderung von Frauen und Migranten im Baugewerbe wird es kaum möglich sein, den hohen Bedarf nach Handwerksleistung in den nächsten Jahren zu decken. Es ist von mehreren Hunderttausend offenen Stellen die Rede. Umso wichtiger ist es, die bestehenden Ressourcen möglichst effizient einzusetzen. Hier kommt die Verwendung von Building Information Modeling und anderen digitalen Tools zur Planung und Koordination von Bauprojekten oder auch der Einsatz von Robotern zur Automatisierung von Prozessen eine immer weiter steigende Bedeutung zu. Auch der 3D-Druck im Hausbau (siehe Folge 80 mit PERI) könnte ein Weg sein, befindet sich aber noch weit davon, Standard zu sein. Weiter ist man heute schon bei der Verwendung vorgefertigter Module. Insgesamt wird gerade erst an der Oberfläche des Potenzials gekratzt, das der Bereich hat, obwohl hier der entscheidende Hebel im Hinblick auf den Umbau zur klimaneutralen Gesellschaft liegt.

Bevor ein Baustoff durch die ausführenden Gewerke verbaut wird, durchläuft er die Kette aus Produktion bei einem industriellen Hersteller, Handel und ggf. noch Dienstleistungsunternehmen. In Deutschland ist der Vertrieb von Baustoffen dreistufig organisiert. Das heißt, die produzierende Baustoffindustrie verkauft ihre Materialien, etwa Ziegel oder Zement, nicht direkt an Endkunden, sondern ausschließlich über den Baustofffachhandel oder Baumarkt an den Verarbeiter. Nur vereinzelt sind spezialisierte Direktvertriebsunternehmen wie Sto oder Brillux im Markt. Der Fachhandel wiederum übernimmt Logistikdienstleistungen in Form von Lager und spezialisiertem Fuhrpark für die lokalen Bau- und Handwerksunternehmen. Der Baumarkt wiederum richtet sich mit seinem Angebot überwiegend an Privatpersonen, findet aber auch bei immer mehr Handwerksunternehmern Beliebtheit.

Im Rahmen dieser Kette steigen insbesondere die logistischen Anforderungen immer weiter. Angesichts des Zwangs zu effizienterer Arbeitsweise werden kleinere Losgrößen und Lieferungen möglichst Just-in-Time benötigt, was in der Realisierung durchaus anspruchsvoll ist. Start-ups wie bex (siehe Folge 78) unterstützen Baustoffhandel und -industrie bei der Umsetzung. Als Reaktion auf das veränderte Beschaffungsverhalten verändert sich auch der Vertrieb hin zu einem Omni-Channel-Vertrieb als Verbund aus Offline- und Onlinewelt. Dies ist auch nötig, wenn man die angesprochenen Potenziale realisieren will. Während diese langfristigen Trends ungebrochen intakt sind, kommen immer wieder externe Faktoren wie die Coronapandemie und der Ukraine-Krieg zum Tragen, die die Anfälligkeit der Lieferketten zeigen. Auch durch die aktuellen Energiekosten ist die weitere Preisentwicklung schwer abzusehen.

Unterhalten und Instandhaltung

Betrachtet man den Lebenszyklus eines Gebäudes, ist die Fertigstellung des Bauprojektes nicht das Ende, sondern der Anfang. Im Rahmen eines modernen Gebäudemanagements kommen neben Betrieb und Reparaturen der Anlage zahlreichen infrastrukturelle Dienstleistungen hinzu. Dazu gehören der Energiebereich, Verwaltung, Sicherheit oder Reinigung. Der Übergang in die Instandhaltung ist fließend. Bei Instandhaltung handelt es sich entweder um kleinere Reparaturleistungen, die von Dienstleistungs- oder Ausbaugewerken erbracht werden oder stößt im Falle einer größeren Maßnahme oder eines Abbruchs wieder die gesamte Prozesskette an. 

Während es bei der Planung neuer Objekte logische Konsequenz ist, die Energieeffizienz eines Gebäudes zu maximieren, gewinnt diese nicht zuletzt durch die Einführung des Gebäudeenergiegesetzes auch bei Bestandsgebäuden immer größere Bedeutung.  Eigentümer, Vermieter und Hausverwalter können sich auf die Verbesserung der Energieeffizienz von Gebäuden konzentrieren, indem sie erneuerbare Energien und Technologien wie die Wärmepumpe nutzen (siehe Folge 143 mit Stiebel Eltron), intelligente Gebäudesysteme oder Smart-Home Lösungen implementieren. Diese tragen auch dazu bei, dass das Bewusstsein für umweltfreundliche Verhaltensweisen bspw. beim Heizen steigt. Der Aufwand einer energetischen Sanierung ist jedoch nicht zu unterschätzen. Zudem steigt das Angebot nachhaltiger Baustoffe wie Lehm. Auch hierzu gibt es bereits einen spannenden Blogartikel. Im Rahmen der Instandhaltung ist es auch immer mehr das Ziel, bestehende Baustoffe wiederzuverwenden. Junge Unternehmen wie Concular oder der Online-Marktplatz Restado geben Baustoffen ein zweites Leben. 

Abschließend zeigt sich, dass man nur schwer pauschal von „der Baubranche“ sprechen kann. Kaum eine Branche ist so verflochten und reicht über so viele Gesellschaftsbereiche wie Sie. Auch gibt es kaum eine Branche, die mit so vielfältigen Herausforderungen umzugehen hat, insbesondere auch soziale Herausforderungen. Hier liegt aber auch der Reiz, daher freuen wir uns ganz besonders über die vielen Menschen, die tagtäglich daran arbeiten, die Branche und damit letztlich auch das gesamte Land nach vorn zu bringen. 

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