Deutsche Städte im Ranking – zwischen Klimaschutz und Klimaanpassung

Städte sind im Hinblick auf den Klimawandel gleichermaßen Teil der Lösung und Teil des Problems. Einerseits entsteht dort ein großer Teil klimaschädlicher Emissionen, andererseits sind Sie unser Lebensraum, der durch klimatische Veränderungen wie Hitze und Starkregen bedroht wird. Was tun wir in den Städten heute schon dagegen und wer macht eigentlich was? Diese Fragen werden uns noch über mehrere Blogartikel begleiten.

Im ersten Schritt möchte ich mich dieser Frage mithilfe eines Artikels des Leibniz-Instituts der Uni Potsdam nähern. Das Ergebnis der Forschenden ist ein Ansatz, mit dem sich Städte hinsichtlich Ihrer klimapolitischen Aktivitäten vergleichen lassen, inklusive einer Bewertung der Performance von 104 deutschen Städten in diesem Bereich. Denn woran macht man überhaupt fest, ob eine Stadt auf einem guten oder schlechten Weg ist, ohne sich in pauschalen Aussagen zu verlieren oder nur auf einzelne Projekte zu schauen. Heute decken wir die Vorbilder unter Deutschlands Städten auf und erklären einen Ansatz, wie die Aktivitäten von Städten vergleichbar werden.

Zwei zentrale Handlungsfelder für Städte

Aus der Sicht einer Stadt gibt es zwei relevante Handlungsfelder: Klimaschutz und Klimaanpassung. Während es bei Ersterem darum geht, die negativen Effekte des Klimawandels durch Reduktion der Treibhausgasemissionen zu lindern, zielt die Anpassung auf den Umgang mit den Folgen des Klimawandels ab. Im Englischen wird von “mitigation” und “adoption” gesprochen.

Mein erster Impuls war: sollten wir uns wirklich so sehr mit Anpassung beschäftigen und nicht mit vollem Fokus das Problem an der Wurzel packen? Die Vermeidung von Emissionen ist doch deutlich wichtiger als die Anpassung an klimatische Veränderungen? Fakt ist jedoch, dass beide Handlungsfelder kaum voneinander zu trennen sind. Die klimatische Veränderung ist bereits heute eine reale Bedrohung, denn auch im Jahr 2022 werden wir mit traurigen Negativ-Schlagzeilen konfrontiert. “Halb Europa von Dürre bedroht” titelt die Tagesschau und die Bilder der letzten Flutkatastrophe sind ebenfalls noch nicht verdaut. Zwischenfazit: wir kommen also gar nicht darum herum, uns anzupassen und müssen trotzdem alles daran setzen, es nicht weiter zu verschlimmern.

Wie vergleicht man die Aktivitäten von Städten?

Das im Leibniz-Institut entwickelte Ranking umfasst drei Teilbereiche, für das jeweils Unterkategorien festgelegt wurden. Diese sind:

Engagement zum Klimaschutz /
zur Klimaanpassung

Mitgliedschaft in Netzwerken, die sich mit dem Thema beschäftigen

Teilnahme an Wettbewerben oder Zertifizierungsprogrammen

Vorliegende Pläne

Existiert ein Klimaschutz-/Klimaanpassungsplan?

Wann wurde der erste Plan veröffentlicht?

Wie häufig wurde der Plan aktualisiert?

Ambitionen / Ziele

Wie hoch sind die Ziele (z.B. CO2-Reduktionsziel) gesteckt?

Wie schnell sollen diese umgesetzt werden?

Jeder Kategorie wird im Hinblick auf Klimaschutz und Klimaanpassung anhand von definierten Eigenschaften in Punkteskalen bewertet. Dieses Prinzip wurde auf 104 deutsche Städte angewendet.

Klimaschutz:

Im Bereich Klimaschutz existieren zahlreiche Netzwerke und Wettbewerbe für Städte. Mir persönlich waren diese nicht bekannt. Auch gibt die Skala bereits einen Hinweis darauf, wie weit die Aktivitäten in den Städten auseinanderliegen werden. Während die Spitzenreiter ihre seit Jahrzehnten vorhandenen Klimaschutzpläne mehr als 6x überarbeitet haben, gibt es auch Städte, in denen ein solcher Plan wahrscheinlich überhaupt nicht existiert.

Klimaanpassung:

Im Bereich Klimaanpassung sind im Ranking deutlich weniger Netzwerke und Wettbewerbe. Vermutlich hängt dies auch mit der geringeren Aufmerksamkeit dieses Bereiches im Vergleich zum Klimaschutz zusammen. Spannend ist hier insbesondere der Bereich “C-Ambitionen” nach Sektoren. So sind zum Beispiel im Bereich Klimaanpassung im Bausektor fünf Subkategorien genannt, wie beispielsweise die Integration von Klimaanpassung in Ausschreibungen, Fassaden- und Dachbegrünung oder Gebäudeisolierung. Es zeigt sich, dass die Klimaanpassung zahlreiche Sektoren wie Bau, Wassermanagement, Landwirtschaft und Gesundheit begleiten wird und die Stadt der Zukunft in allen Sektoren große Veränderungen erleben wird. Leider ist mir nicht ganz klar, wie man an die Ursprungsdaten einzelner Städte kommen könnte.

Wer sind nun die Spitzenreiter?

Der Titel Klima-Champion geht nach Berlin. Berlin ist sowohl im Gesamtranking als auch im Klimaanpassungsranking auf Platz 1. Frankfurt und Stuttgart belegen die folgenden zwei Plätze. Generell wird das Gesamtranking eindeutig von den größten Städten dominiert. Angesichts der deutlich höheren Ressourcen und der Vernetzung dieser Städte ist das nicht unbedingt überraschend. Münster sticht als führende, mittelgroße Stadt heraus. 

Tabelle 1: Gesamtranking Städte Klimaschutz & Klimaanpassung (vollständig hier)

Rang

Stadt

Größe

Einwohner

Punkte

1

Berlin

Big

3,613,495

95.1

2

Frankfurt (Main)

Big

746,878

88.1

3

Stuttgart

Big

632,743

87.8

4

Münster

Medium

313,559

85.2

5

Hamburg

Big

1,830,584

84.2

6

Bremen

Big

568,006

83.8

7

Hanover

Big

535,061

83.0

8

Rostock

Medium

208,409

82.3

9

Essen

Big

583,393

80.5

10

Nuremberg

Big

515,201

79.3

Überraschend ist, dass mittelgroße und auch kleinere Städte Spitzenpositionen beim Klimaschutz belegen, während sie in der Klimaanpassung weniger aktiv sind. Die zugehörigen Tabellen befinden sich im Anhang. „Hier zeigt sich, dass auch Mittelstädte Vorreiter im Klimaschutz sein können, wenn ein lokaler politischer Wille und eine ausreichende Förderung zusammentreffen.“, sagt Dr. Wolfgang Haupt, der für das IRS an der Studie mitarbeitet.

Was bringt uns diese Erkenntnis?

“Was tun wir in den Städten heute schon gegen den Klimawandel und wer tut eigentlich was?” war die zu Beginn gestellte Frage. Mit einem Ranking allein lässt sich die obige Frage nicht beantworten. Zumindest existieren Ziele, Ambitionen und Pläne. Über die im Artikel vorgestellten Fragen, Netzwerke und Kategorien lässt sich nun gezielt nach den richtigen Informationen suchen und die städtischen Vorbilder identifizieren, die wir brauchen.

Auch der Unterschied zwischen den Städten ist spannend. Neben den großen Städten sind es Freiburg und Münster – oder auch Kaiserslautern, Emden und Worms, die auch als mittlere/kleinere Städte besonders gute Ergebnisse vorweisen. Auch das werden wir uns zukünftig noch einmal genauer anschauen. Da die Untersuchung bereits ins Jahr 2018 geht, kann es natürlich sein, dass sich hier schon wieder einiges weiterentwickelt hat – bei den Vorreitern wird das sogar ganz sicher der Fall sein.

 

Anhang:

Tabelle 2: Einzelranking Städte Klimaschutz (vollständig hier)

Rang

Stadt

Größe

Einwohner

Klimaschutz-Score

1

Freiburg

Medium

229,636

76.0

2

Bonn

Medium

325,490

72.0

2

Münster

Medium

313,559

72.0

4

Stuttgart

Big

632,743

71.5

5

Mainz

Medium

215,110

71.0

6

Bremen

Big

568,006

70.5

7

Frankfurt (Main)

Big

746,878

69.5

7

Hannover

Big

535,061

69.5

9

Heidelberg

Medium

160,601

69.0

10

Berlin

Big

3,613,495

68.5

 

Tabelle 3: Einzelranking Städte Klimaanpassung (vollständig hier)

Rang

Stadt

Größe

Einwohner

Klima-anpassungs-Score

1

Berlin

Big

3,613,495

80.5

2

Karlsruhe

Medium

311,919

71.6

3

Hamburg

Big

1,830,584

70.4

4

Frankfurt (Main)

Big

746,878

68.2

5

Stuttgart

Big

632,743

65.6

6

Dresden

Big

551,072

64.7

7

Oberhausen

Medium

211,422

62.7

8

Cologne

Big

1,080,394

62.1

9

Essen

Big

583,393

61.3

10

Rostock

Medium

208,409

60.9

 

Quellen:

Otto, A., Kern, K., Haupt, W. et al. Ranking local climate policy: assessing the mitigation and adaptation activities of 104 German cities. Climatic Change 167, 5 (2021). https://doi.org/10.1007/s10584-021-03142-9 – https://link.springer.com/article/10.1007/s10584-021-03142-9

https://leibniz-irs.de/aktuelles/meldungen/08/neues-paper-ranking-zum-engagement-deutscher-staedte-fuer-klimaschutz-und-klimaanpassung-veroeffentlicht

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