Der Traum von der 15-Minuten-Stadt

Deutschland ist Autoland. Kein anderes Verkehrsmittel ist so sehr mit unserem Land verbunden wie das Auto. Kein Wunder also, dass sich unser Lebensraum in den letzten Jahrzehnten eher dem Auto angepasst hat, als umgekehrt. Doch dieses Konzept erreicht seine natürliche Grenze. Verstopfte Straßen, schlechte Luft und hoher Flächenverbrauch. Alternativen? Mangelhaft. Nun steht die Tür für neue Ansätze so weit offen, wie noch nie. Die Zeit ist reif für die 15-Minuten-Stadt.

Was sich hinter dem Konzept verbirgt, das unter anderem der Pariser Bürgermeisterin zum Wahlsieg verholfen hat, erfahrt ihr in diesem Artikel.

Was ist die 15-Minuten Stadt?

Das Konzept der 15-Minuten Stadt geht zurück auf den französisch-kolumbianischen Wissenschaftler und Professor der Universität Paris, Carlos Moreno. Im Kern beschreibt dieser stadtplanerische Ansatz folgendes Ziel: Alle Wege des Alltags können in weniger als 15 Minuten zu Fuß oder mit dem Fahrrad bestritten werden. Das bedeutet Einkaufen, Gesundheitsversorgung und Bildungseinrichtungen, Parks, Cafés, Kultur und sogar die Arbeit – all das ist im 15-Minuten-Radius um das eigene Zuhause verfügbar. Es geht also darum, Städte dezentraler zu organisieren, private Autos überflüssig zu machen und gleichzeitig die Lebensqualität zu erhöhen. Selbstverständlich gibt es heute bereits Stadtteile, die diese Anforderungen erfüllen. Doch das Innovative an der 15-Minuten-Stadt ist die Integration einer Reihe von Kernideen und Kernprinzipien für eine auf den Menschen ausgerichtete Stadtentwicklung.

Nach Moreno gibt es vier Kernprinzipien der 15-Minuten-Stadt:

Lage

Vielfalt

Dichte

Allgegenwärtigkeit

Wohnen und lebensnotwendige Bedürfnisse müssen in räumlicher Nähe zueinander sein. 

Die Flächennutzung muss gemischt werden, um eine Vielzahl von städtischen Einrichtungen in unmittelbarer Nähe zu bieten.

Es muss genügend Menschen geben, um die Vielfalt von Geschäften in einem kompakten Gebiet zu unterstützen.

Damit das Konzept wirksam ist, müssen diese 15-Minuten-Stadtteile so weit verbreitet sein, dass sie für jedermann zugänglich und erschwinglich sind.

  

 

Wie lässt sich das Konzept umsetzen?

So weit zur Theorie, doch jede Idee ist nur so gut wie ihre Umsetzung. Deshalb werden nachfolgend eine Reihe exemplarischer Beispiele gezeigt, wo man konkret auf dem Weg zur 15-Minuten Stadt ansetzen könnte:

  • Start bei der Analyse und Bildung von Referenzwerten in allen Stadtvierteln. Ein Start-up, das diese Herausforderung löst, ist zum Beispiel Plan4Better.
  • Stärkere Verdichtung und Förderung von gemischt genutzten Gebäuden und Stadtvierteln, zum Beispiel durch Gebührenermäßigungen oder beschleunigte Genehmigungen. Auch Unternehmen, z.B. Lidl und Aldi, sind hier bestrebt, Ihren Teil dazu beizutragen (siehe auch hier). 
  • Vermeidung von Gentrifizierung und Sicherstellung, dass die 15-Minuten-Viertel eine vielfältige Mischung von Menschen beherbergen, zum Beispiel durch Investitionsfokussierung auf einkommensschwache und am stärksten unterversorgte Stadtteile. Weiterhin können der Aufbau von Sozialwohnungen, Vorschriften für touristische Vermietung oder gemeinschaftsorientierte Ansätze für die Wohnraumentwicklung helfen.
  • Wenn es doch einmal weiter weg geht, ist eine gute Zugänglichkeit und Erschwinglichkeit des öffentlichen Nahverkehrs essenziell, um eine attraktive Alternative zum Auto zu schaffen. Das 9-Euro-Ticket hat gezeigt, welchen Einfluss ein kostengünstiger Nahverkehr auf das Mobilitätsverhalten haben kann.
  • Digitalisierung von städtischen Dienstleistungen zur Verringerung unnötiger und unerwünschter Fahrten. Mit dem Onlinezugangsgesetz sollte ein Schritt Richtung “Digitale Verwaltung” gemacht werden. Leider zeigen Projekte wie der “digitale Personalausweis eID” und große Unterschiede bei verfügbaren Online-Leistungen zwischen den Bundesländern, dass gut gemeint nicht gleich gut gemacht ist. Vorreiter in diesem Bereich ist Estland. Eine gut ausgebaute, digitale Infrastruktur ist nicht nur in der Verwaltung, sondern auch für die Home-Office-Möglichkeit wichtig, die ebenfalls zur Erreichung der 15-Minuten-Stadt beiträgt.

Wer tiefer in das Thema einsteigen möchte, sollte auf jeden Fall hier beim C40-Knowledge-Hub vorbeizuschauen. (Die Seite bietet auch eingebaute Übersetzungsfunktion).

Was bleibt von der 15-Minuten-Stadt hängen?

Aus meiner Sicht ist die 15-Minuten Stadt ein tolles Leitbild für die Zukunft der Stadt. Sie verbindet politische, ökonomische, soziale und technologische Aspekte. Das Konzept greift Themen wie Klimaschutz und Mobilität, aber auch Digitalisierung und Wohnungsmangel auf und bietet spannende Lösungsmöglichkeiten. Sie gibt der Stadt eine neue Perspektive in einer Zeit, in der viel über die Zukunft der Innenstädte, zum Beispiel in Bezug auf die Bedrohung durch den Online-Handel, diskutiert wird. Und sie schlägt die Brücke zum eigenen Zuhause, weshalb dieses Leitbild nahbar für Jede und Jeden von uns wird. Darin liegt meiner Meinung auch die Stärke des Konzepts. Ob es jetzt eine sinnvolle Maßnahme ist, viel Geld in den Aufbau neuer Quartiere zu investieren oder Durchgangsstraßen stillzulegen, um Fußängerzonen mit Sitzgelegenheiten daraus zu machen, bleibt fraglich. Individuelle, kreative Ideen und Maßnahmen unter der Frage zu entwickeln: “Wie können wir ein Umfeld gestalten, das in 15-Minuten Fuß- und Radweg alle abdeckt, das wir zum Leben brauchen und wollen?” ist mit Sicherheit eine spannende Übung.

Ihr möchtet herausfinden, ob eure Stadt bereits eine 15-Minuten Stadt ist? Hier gibts die Antwort.

Ihr möchtet mehr über die Stadt der Zukunft erfahren? Dann hört auf jeden Fall in unsere Podcast-Serie.

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